Lea Köster: Wo kann Vergebung ihren Anfang nehmen, wenn der Schmerz tief im Herzen sitzt?
Nancy DeMoss Wolgemuth: Der erste Schritt ist, anzuerkennen, dass sich jemand wirklich an mir versündigt hat. Dass es schrecklich war. Gott sieht das genauso. Es war schrecklich. Doch Gott schenkt mir Gnade und Barmherzigkeit –, damit ich mit der Situation umgehen und damit seine Gnade und Barmherzigkeit auch in das Leben des anderen kommen kann.
Lea: Hallo und herzlich willkommen bei Belebe unsere Herzen mit Nancy DeMoss Wolgemuth, gesprochen von Annette Schorre. Wie kannst du vergeben, wenn es dir unmöglich erscheint? Nancy geht dieser Frage in ihrem hilfreichen Buch Das Tor zur Freiheit auf den Grund.
Als das Buch rauskam, setzte sich Nancy mit ihrer Freundin Lissa Barry zusammen, um darüber zu sprechen. Heute hören wir dieses lebensnahe Gespräch, da wir uns in dieser Woche mit dem Thema Vergebung beschäftigen. Es ist …
Lea Köster: Wo kann Vergebung ihren Anfang nehmen, wenn der Schmerz tief im Herzen sitzt?
Nancy DeMoss Wolgemuth: Der erste Schritt ist, anzuerkennen, dass sich jemand wirklich an mir versündigt hat. Dass es schrecklich war. Gott sieht das genauso. Es war schrecklich. Doch Gott schenkt mir Gnade und Barmherzigkeit –, damit ich mit der Situation umgehen und damit seine Gnade und Barmherzigkeit auch in das Leben des anderen kommen kann.
Lea: Hallo und herzlich willkommen bei Belebe unsere Herzen mit Nancy DeMoss Wolgemuth, gesprochen von Annette Schorre. Wie kannst du vergeben, wenn es dir unmöglich erscheint? Nancy geht dieser Frage in ihrem hilfreichen Buch Das Tor zur Freiheit auf den Grund.
Als das Buch rauskam, setzte sich Nancy mit ihrer Freundin Lissa Barry zusammen, um darüber zu sprechen. Heute hören wir dieses lebensnahe Gespräch, da wir uns in dieser Woche mit dem Thema Vergebung beschäftigen. Es ist Teil unserer Podcast-Serie über persönliche Erweckung mit dem Titel „Seeking Him - Neu belebt von Ihm“. Und hier ist nun Lisa.
Lisa Barry: Nancy, wir sprechen heute über dein Buch Das Tor zur Freiheit - Wie Vergebung Ihr Leben verändert. Erstmal, vielen Dank, dass du so ein aufschlussreiches Buch geschrieben hast. Es war einfach eine Freude, es zu lesen. Und beim Lesen habe ich mich gefragt, was dich wohl dazu bewegt hat, dieses Buch zu schreiben.
Du hast auf deinen Reisen viele Menschen getroffen. Was hat dich davon überzeugt, dass Vergebung ein Thema ist, über das man viel gründlicher sprechen sollte, als das bisher geschieht?
Nancy: Ja, Lisa, ich denke, das Buch ist das Ergebnis meiner Erfahrungen von den Frauenkonferenzen, die wir im Laufe der Jahre durchgeführt haben, und der zahllosen Gespräche, die ich mit den Teilnehmerinnen hatte, sei es nach den Veranstaltungen oder in den Pausen zwischen den Vorträgen, wo ich den Frauen in die Augen geschaut und ihre Geschichten angehört habe, ihre Geschichten voller Schmerz, von ihren erlittenen Wunden und zerbrochenen, zerrütteten Beziehungen.
Bei einer Konferenz gab eine Frau ein bewegendes Zeugnis. Sie stand neben mir am Mikrofon und berichtete, dass vor 14 Jahren ihre Tochter, damals im jungen Erwachsenenalter, belästigt und danach brutal vergewaltigt und ermordet wurde. Sie drehte sich vor all diesen Frauen zu mir um und sagte: „Du sagst immer, wir müssen vergeben, aber seit 14 Jahren hasse ich den Mann, der meiner Tochter das angetan hat. Du sagst, wir sollen vergeben. Aber wie kann ich vergeben? Wie kann ich vergeben?“
Diese Frage ist schon auf so verschiedene Weise gestellt worden – mit so vielen Details und Geschichten dahinter. Als Christen sprechen wir von der frohen Botschaft, dem Evangelium von Jesus Christus, der uns unsere Sünden vergibt. Und doch tun wir uns schwer damit zu verstehen, dass wir nicht nur Empfänger der Vergebung Christi sind, sondern auch solche, die diese Vergebung anderen weitergeben.
Ich wollte das einmal gründlich durchdenken, zuerst für mich selbst und dann für die Frauen, denen ich diene. Wie gelangt die Vergebung, die wir von Jesus empfangen haben, auf eine Weise zu anderen, so dass sie aufbauend, aussöhnend und heilsam ist? Gott ist es, der zerbrochene Beziehungen heilt – und Vergebung ist so entscheidend dafür, dass wir das erfahren können.
Lisa: Bevor wir tiefer in dein Buch eintauchen, lass uns einen Schritt zurückgehen und eine grundsätzliche Frage stellen: Wie unterscheidet sich Gottes Verständnis von Vergebung von dem der Welt? Gibt es eine Diskrepanz zwischen der biblischen Sicht und dem, wie die Welt dieses Wort verwendet und interpretiert?
Nancy: Ja, ich glaube, die Welt hat tatsächlich nur eine vage Vorstellung von dem ganzen Thema Vergebung. Ich möchte etwas weiter ausholen und an eine einfache, aber wichtige Wahrheit erinnern – auch, wenn sie banal klingen mag: Jeder wird verletzt. Jeder erlebt Schmerz. Wir treten uns gegenseitig auf die Füße. Wir verletzen einander – manchmal absichtlich, manchmal unabsichtlich. Aber Verletzungen sind unvermeidlich. Es ist nur eine Frage, wann es uns trifft.
Wir müssen uns fragen, wie wir auf diese Verletzungen reagieren. Die natürliche Reaktion – und die beste, die die Welt kennt – ist, diese Verletzungen zu verdrängen, sie zu begraben und dann einfach versuchen, weiterzumachen. Deshalb gibt es so viele Menschen, die verletzt durchs Leben gehen, ohne sich jemals wirklich damit auseinandergesetzt zu haben. Sie sind Leidtragende und verursachen zugleich das Leid anderer.
Oder die Welt rät uns, Schuldeneintreiber zu werden. Was meine ich damit? Es bedeutet, dass die Person, die mich verletzt hat, dafür bezahlen soll – und ich werde dafür sorgen, dass sie es tut. Das kann ganz direkt geschehen, indem ich mich in ihr Leben dränge und ihr durch Worte, meine Haltung oder mein Benehmen Schmerz zufüge. Oder es geschieht auf eine raffiniertere und anerkannte Weise, die sich nur in meinem Herzen abspielt, wo ich den anderen gefangen halte und die man daran bemerkt, wie ich über ihn spreche.
Die Sache ist die: Solange du nicht einsiehst, was du getan hast, und den Schaden nicht erkennst, den du angerichtet hast, und ihn nicht bereust, werde ich ihn dir vorhalten. Ich werde dich in ein Schuldnergefängnis sperren und dich nicht eher wieder heraus lassen, bis du bezahlt hast.
Ich habe festgestellt, dass die meisten Menschen sich für diesen Weg entscheiden. Er führt zu Groll, Bitterkeit und zu zerbrochenen Beziehungen. Diese Art von Bitterkeit ist wie eine Säure, die das Gefäß zerstört, indem sie aufbewahrt wird. Ich glaube, die meisten Menschen haben nie verstanden, dass es einen besseren Weg gibt.
Lisa: Du meinst also, dass dieses Verhalten grundsätzlich zerstörerisch ist?
Nancy: Bitterkeit ist unglaublich zerstörerisch. Es gibt keinen verbitterten Menschen, der glücklich ist.
- Bitterkeit raubt die Freude.
- Sie raubt den Frieden.
- Sie zerstört Beziehungen.
- Sie belastet unsere Beziehung zu Gott.
- Sie belastet unsere Beziehungen zu anderen.
Denke darüber nach. Du willst nicht mit verbitterten Menschen zusammen sein, und sie wollen auch nicht mit dir zusammen sein, wenn du verbittert bist. Wenn wir also darüber nachdenken, wie absichtlich Gott das ganze Universum zusammengefügt hat, dann ist dies „vergebt einander“ (Epheser 4,32) nicht einfach ein Gebot, das er aus einer Laune heraus gegeben hat. Gott sagt: „Ich weiß, dass es für euch und eure Beziehungen zum Besten dient“ (vgl. Römer 8,28).
Willst du in Jesus glücklich sein, wie es in dem alten englischen Lied Trust and Obey heißt? [Im Refrain des deutschen Liedes heißt es: „Folg‘ und vertrau‘, und auf Jesum nur schau‘, Er gibt Frieden und Freude, O, so folg‘ und vertrau!“ Anmerkung des Übersetzers] Es segnet uns, wenn wir lernen, diese Bitterkeit loszulassen. Es segnet unsere Ehen. Es segnet unser Arbeitsumfeld und unsere Gemeinde. Gott weiß, dass Bitterkeit zerstörerisch ist und dass Vergebung ein Weg ist, um Segen, Freude und Frieden zu erfahren. Deshalb will er, dass wir vergeben.
Lisa: Ich kann jetzt förmlich hören, wie eine Zuhörerin sagt: „Theoretisch mag das ja stimmen, aber warte erst, bis du meine Geschichte kennst! Denn die ist sehr kompliziert. Dann wirst du nicht mehr erwarten, dass ich vergebe. Wenn du erst einmal gehört hast, was mir passiert ist, wirst du mich nicht mehr dazu drängen, zu vergeben.“ Kann man wirklich jemanden dazu bewegen, über Vergebung nachzudenken, ohne dass man alle Details kennt?
Nancy: Weißt du, Lisa, wenn wir in diese Thematik eintreten, bin ich mir bewusst, dass wir uns für viele Menschen in sehr dunkle und gefährliche Gewässer begeben. Ich möchte zum Beispiel den Schmerz, die Verletzung und das Gefühl, vergewaltigt worden zu sein, in keiner Weise verharmlosen. Das Wort ist hier angebracht.
Sünde ist zerstörerisch. Sie schadet und bringt den Tod. Gegen uns wird gesündigt, und wir selbst sündigen gegen andere. Das schafft komplexe Probleme. Ich habe viel davon gehört. Und manchmal, wenn man gerade denkt, es kann keine schlimmere Geschichte geben, kommt eine andere Frau zu Wort.
Aus menschlicher Sicht möchte ich dann am liebsten sagen, dass ich an ihrer Stelle auch verbittert wäre. Aber ich weiß: Wenn ich dieser Frau nicht liebevoll und in Gnade helfe, ihren Weg da durch zu gehen – so wie ich es mir selbst an ihrer Stelle wünschen würde –, wie soll sie dann die Verletzung, den Schmerz, die Wut, den Groll und ihr Verlangen nach Rache überwinden? Wie könnte sie dann durch Gottes Gnade Heilung erfahren?
Ich weiß, dass dieses Buch über Vergebung Erinnerungen an die Oberfläche bringt, von denen andere Ratgeber sagen, man solle sich gar nicht mit ihnen beschäftigen. Lass sie besser hinter dir! Der Gedanke, die Kruste einer alten Wunde aufzubrechen, ist etwas beängstigend. Die Wunde ist dann wieder frisch. Aber wir erfahren Gottes heilende und wiederherstellende Gnade erst in vollem Umfang, wenn wir bereit sind, uns das begangene Unrecht ehrlich anzuschauen. Wir müssen uns dem Schmerz stellen und zugeben: Das war wirklich falsch. Es tat wirklich weh.
Wahrer Friede entsteht nicht durch Verdrängen oder Vorgeben, es sei nie passiert, oder durch Medikamente oder den Rat, man müsse einfach darüber hinwegkommen. Der erste Schritt ist, anzuerkennen, dass sich jemand wirklich an mir versündigt hat. Dass es schrecklich war. Gott sieht das genauso. Es war schrecklich. Doch Gott schenkt mir Gnade und Barmherzigkeit –, damit ich mit der Situation umgehen und seine Gnade und Barmherzigkeit auch in das Leben anderer kommen kann.
Lisa, wenn wir über grauenhafte Vergehen nachdenken, gibt es niemanden, dem tieferes Leid angetan wurde als dem Herrn Jesus selbst. Lesen wir das nicht im 1. Petrusbrief? Übrigens geht es ja in dem gesamten Brief um das Thema Leid. Was sagt Petrus also zu Leid in zwischenmenschlichen Beziehungen?
Am Ende des zweiten Kapitels beginnt er mit dem Beispiel des Herrn Jesus. Bevor er darauf eingeht, wie wir friedlich und vergebend miteinander leben können, erinnert er uns in Vers 21: „Denn dazu seid ihr berufen, weil auch Christus für uns gelitten hat“ (1. Petrus 2,21).
Nun, ich habe Botschaften darüber gehört, zu was wir alles berufen sind – zur Mission, zur Ehe, zum Leben als Single. Aber man hört selten eine Botschaft darüber, dass wir berufen sind, zu leiden. Doch Petrus sagt, dass das tatsächlich eine Berufung ist. Und wenn du dieser Berufung folgst, wenn du sie annimmst, dann folgst du den Fußspuren Jesu Christi.
„Auch Christus [hat] für uns gelitten“, schreibt Petrus, „und uns ein Vorbild hinterlassen […], damit ihr in seinen Fußstapfen nachfolgt.“ Und weiter heißt es dann in Vers 22: „Er hat keine Sünde getan, es ist auch kein Betrug [...] in seinem Mund gefunden worden.“ Er tat absolut nichts, wodurch er das Unrecht, das ihm widerfuhr – die Beleidigungen, die Wunden, die Kränkungen – verdient hätte. Er tat keine Sünde.
Aber in Vers 23 heißt es: „Als er geschmäht wurde, schmähte er nicht wieder; als er litt, drohte er nicht.“ Was tat er stattdessen? „[Er] übergab [sich] dem, der gerecht richtet“ (1. Petrus 2,23). Und was bedeutete das für ihn? Es bedeutete seinen Tod.
Vers 24: „Er hat unsere Sünden selbst an seinem Leib getragen auf dem Holz, damit wir, den Sünden gestorben, der Gerechtigkeit leben mögen“ (1. Petrus 2, 24). Und hier kommt der Satz, den ich sehr liebe: „Durch seine Wunden seid ihr heil geworden“ (1. Petrus 2,24).
Keiner von uns könnte sich jemals als Christ bezeichnen, keiner von uns könnte ein Kind Gottes sein, wenn Christus nicht an unserer Stelle gestorben wäre. Weil er bereit war, die Wunden zu tragen, die Sünder, uns eingeschlossen, ihm zufügten, ist uns Heilung und Vergebung geschenkt worden. Was wir Gott schuldeten, wurde uns erlassen.
Ich bin überzeugt, dass wir hier ein mächtiges Prinzip sehen, Lisa – es ist das Prinzip vom Kreuz und wie es in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen gilt. Ich glaube, es gibt Beziehungen, in die Gott uns hinein stellt und in denen wir uns im Laufe unseres Lebens wiederfinden, in denen wir verletzt werden.
In manchen Fällen glaube ich, dass diese Verletzungen dazu dienen, dass der Schuldige letztendlich geheilt wird und Befreiung von seiner Sünde erfahren kann. Wenn wir den Schmerz, die Beleidigungen und die Verletzungen, die uns zugefügt wurden, zurückzahlen, verpassen wir die Gelegenheit zu sehen, dass der Schuldige zu Zerbruch, Buße, Kapitulation und Heilung in seinem eigenen Leben gebracht wird.
Durch meine Bereitschaft, die Verletzungen anzunehmen, mich Gott zu übergeben und Vergebung zu gewähren – auch dort, wo die Welt es verstehen könnte, wenn ich mich rächen würde –, gebraucht mich Gott als ein Werkzeug des Segens im Leben dieses Menschen. Und darüber hinaus werde ich selbst aus meinem eigenen Gefängnis befreit, auch wenn der andere sich nie ändern sollte.
Lisa: Du hast vorhin dieses Bild vom Gefängnis erwähnt – lass uns da mal weiterdenken. Ich stelle mir eine Zuhörerin vor, die im übertragenen Sinne hinter Gittern sitzt und sich an den Gitterstäben festhält, während ihr die Tränen über das Gesicht laufen.
Nancy: Ja, sie klammert sich krampfhaft daran fest.
Lisa: Ja, sie sehnt sich danach, rauszukommen, aber sie fühlt sich dort auch auf eine seltsame Weise sicher. Sie hat sich mit ihrer Situation arrangiert. Aber wenn man sich umschaut, sieht man sozusagen nur Bilder von Tod und Zerstörung. Und doch bezeichnet sie diesen Ort als sicher.
Nancy: Ich glaube, es ist für viele Frauen eine beängstigende Vorstellung. Ich möchte die Männer hier nicht ausschließen, aber ich habe mit vielen Frauen gesprochen; und wir stellen die Vergebung in Aussicht. Du musst nicht mehr mit den geistigen, emotionalen und mentalen Fesseln leben, die dich vielleicht schon seit Jahren gefangen halten. Wir sagen dir: Du kannst frei sein!
Und doch denke ich, haben sich manche Frauen an ihre Gefängniszelle gewöhnt und sagen: „Lieber bleibe ich mein ganzes weiteres Leben hier, als die Risiken einzugehen, die damit verbunden sein könnten, wenn ich rauskomme. Anstatt die andere Person aus meiner inneren Gefängniszelle freizulassen, will ich lieber erst weiter darüber nachdenken.“
In Gedanken stellen sie diese Person vor Gericht. Rache hat etwas – ich hasse es, das auszusprechen – Süßes. Wenigstens glauben wir das. Aber wir erkennen nicht, wie zerstörerisch sie ist.
Und dann kann es auch beängstigend sein, sich zu fragen: „Was passiert, wenn ich loslasse?“ Denke an die Frau in einer Ehe, deren Mann ihre Seele tief verletzt hat – und die vielleicht seine Untreue ertragen musste.
Sie könnte sagen: „Du sagst mir, dass ich frei sein werde, wenn ich ihn aus der Zelle entlasse, in die ich ihn gesperrt habe. Aber was ist, wenn ich dadurch noch verletzlicher werde? Was, wenn er mir wieder weh tut? So wie die Dinge stehen, ist es fast sicher, dass er es wieder machen wird. Ich weiß nicht, ob ich es wagen kann. Ich weiß nicht, ob ich wirklich loslassen will.
Ich will vielmehr, dass er leidet. Ich will, dass er den Schmerz spürt, den ich erlitten habe. Er hat mich unglücklich gemacht – so soll er jetzt unglücklich sein. Wenn ich vergebe, entlasse ich ihn aus der Verantwortung.“
Das haben tatsächlich schon viele Frauen zu mir gesagt.
„Ich will nicht loslassen, was meinen Mann angeht, weil er sonst nicht versteht, dass er sich ändern muss. Er wird keinen Grund sehen, aufzuhören.“
Also spielen wir diese Dinge in unserem Kopf durch – und setzen uns letztendlich an Gottes Stelle. „Ich will in dieser Situation Gott sein! Ich will die Kontrolle behalten! Ich will die Kontrolle nicht abgeben.“
Der Verzicht auf das Recht, eine Schuld einzufordern – das Recht, jemanden zur Rechenschaft zu ziehen – ist unheimlich. Deshalb erfordert der Weg der Vergebung Glauben. Er erfordert Vertrauen in das, was Jesus getan hat. In 1. Petrus 2 heißt es, dass er sich dem Einen übergab, der gerecht richtet.
Wenn wir nicht die Gewissheit hätten, dass unser himmlischer Vater ein gerechter, weiser und liebevoller Gott ist, der am Ende alles Unrecht zum Guten wenden wird, dann wäre Vergebung wie ein Sprung ins Ungewisse – unvorstellbar. Aber wenn wir vergeben, legen wir uns und unsere Situation in Gottes Hand.
Ich denke an die wunderbare Geschichte von Gnade und Vergebung im Alten Testament, im letzten Teil von 1. Mose – die ganze Lebensgeschichte von Josef, dem so vielfältiges Unrecht geschah. Ich will sagen, es war nicht nur eine Kränkung, sondern ein Unrecht nach dem anderen. Seine Brüder fügten ihm über viele Jahre hinweg und auf viele Weise immer wieder Leid zu.
Dann in Ägypten, im Haus des Potiphar, wird Josef von dessen Frau verleumdet, und er kommt unschuldig ins Gefängnis. Dann vergisst ihn dieser Mitgefangene, der ihm zur Freiheit hätte verhelfen können, und so verbringt Josef weitere Jahre in der Gefangenschaft. Dieser Mann hatte sozusagen viele Jahre lang einen schlechten Tag!
An dem Punkt in seinem Leben, an dem all dies hinter ihm liegt und er eine Position einnimmt, die es ihm erlaubt, an jedem Rache zu nehmen, der früher gegen ihn sündigte, stehen plötzlich seine Brüder vor ihm. Als sie erkennen, wer er ist, überkommt sie Furcht und Zittern, denn sie wissen, dass Josef das Recht des Landes verkörpert. Was würde er mit ihnen tun? Bestürzt erwarten sie sein Urteil, aber Josef sagt diese entscheidenden Worte: „Bin ich denn an Gottes Stelle?“. Das ist in 1. Mose 50,19.
Das ist Gottes Aufgabe. Das betont auch Paulus in Römer 12,19: „Denn es steht geschrieben: ‚Mein ist die Rache, [...] spricht der Herr‘“. Gott wird vergelten, also nimm die Vergeltung nicht selbst in die Hand!
Daraus könnte man schließen: „Gut, Herr, dann lass diese Person spüren, was sie gemacht hat. Herr, ich bete, dass Du Rache übst.“ Doch darum geht es nicht. Die richtige Einstellung ist: „Herr, ich bete, dass Du dieser Person vergibst und sie wiederherstellst.“
Dazu braucht es Glauben. Es braucht die Bereitschaft, die Kontrolle loszulassen und zu sagen: „Ich bin nicht Gott. Ich stehe nicht an Gottes Stelle. Das ist nicht meine Aufgabe. Ich wäre kein guter Gott. Ich kann nicht Gott sein. Ich kann dieses Universum nicht regieren. Es liegt nicht in meiner Macht. Ich habe nicht die Fähigkeiten dazu.“ Wenn ich trotzdem darauf bestehe, diese Aufgabe zu übernehmen, dann entsteht eine Distanz zwischen mir und Gott.
Kehren wir zu dem Bild der Frau vom Anfang zurück – der Frau, die sich an den Gitterstäben ihrer Zelle festhält. Sie ruft: „Ich will hier raus, und doch weiß ich nicht, ob ich wirklich raus will. Ich will festhalten, aber ich will auch loslassen.“ Das kennen wir alle: Wir wissen, dass wir etwas loslassen sollten, aber doch wollen wir es festhalten.
Hier muss ich kurz eine Zwischenbemerkung machen, Lisa. Kaum hatte ich das Manuskript dieses Buches fertiggestellt und dem Verlag übergeben – das war zwei, drei Wochen später –, da erfuhr ich mehrere schmerzhafte Kränkungen. Und das, nachdem ich mich monatelang – vermutlich sogar ein Jahr oder länger – intensiv mit diesem Thema beschäftigt hatte.
Keine davon lässt sich mit dem vergleichen, was viele unserer Hörerinnen gerade durchmachen, aber es waren Erfahrungen, die weh taten. Sie rissen alte Wunden auf, von denen ich dachte, ich hätte sie längst hinter mir gelassen – vergeben, vergessen und abgeschlossen.
Ich fand mich plötzlich in einigen Beziehungssituationen wieder, in denen ich erneut verletzt wurde – und ich spürte den starken Drang, daran festzuhalten. Auf einmal war ich es, die sich an den Gitterstäben festklammerte, obwohl ich wusste, dass ich gerade dieses Buch über Vergebung geschrieben hatte. Ich hatte all diesen Frauen gesagt: „Lass es los! Lass es los! Drück‘ die Löschtaste!“ – um eine Analogie aus meinem Buch zu verwenden. „Lass es los! Lösche die Akte. Halte nicht daran fest! Du tust dir nur selber weh.“
Ich sah, dass die Freiheit außerhalb der Zelle lag, und doch hockte ich darin und sagte: „Ich glaube, mir gefällt es hier. Ich will dafür sorgen, dass diese Situation geklärt wird...“ Ich musste mir selbst das Evangelium predigen. Die Worte in diesem Buch – meine eigenen Worte –, verfolgten mich.
Es war ein innerer Kampf. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich es sofort loslassen konnte, aber in Wirklichkeit dauerte es Tage – wenn nicht sogar mehrere Wochen –, in denen ich meine Wunden leckte und mich dagegen wehrte, loszulassen.
Aber tief in meinem Herzen wusste ich, dass ich nicht dort bleiben wollte – und Gott ließ mich nicht dort bleiben. Ich bin so dankbar, dass sein Geist mich überführt hat. Immer wieder wies er mich auf meine Sünde der Unversöhnlichkeit hin, auf meine Sünde, nicht loslassen zu wollen. Als ich mich auf die Sünde konzentrieren wollte, die an mir begangen wurde, sagte Gott: „Ich möchte, dass du auf deine eigene Sünde schaust.“
Ich musste genau den Schritt tun, zu dem ich andere in diesem Buch angehalten hatte. Ich musste es Gott übergeben. Lass es los! Drücke die Löschtaste! Du musst es nicht klären. Niemand muss es wissen.
Damals blieb es nicht bei einem Gedanken – ich schrieb tatsächlich einen Brief. Erst mal auf dem Computer. Ich teilte ihn mit einer Gruppe von Freundinnen, in der wir uns gegenseitig Rechenschaft ablegen, und ich fragte sie: „Was haltet ihr davon, wenn ich diesen Brief abschicke?“ Sie rieten mir weise: „Du musst loslassen! Du musst loslassen!“ Ich dachte: „Aber sie müssen es doch wissen!“ Lass gut sein! Lass gut sein!
Es gibt Situationen, in denen es richtig ist, etwas zu unternehmen, um der anderen Person bewusst zu machen, was geschehen ist. Aber nicht, solange wir an dem Recht festhalten, sie zu bestrafen. Nicht, solange wir Bitterkeit und Unversöhnlichkeit in unserem Herzen haben. Mit solch einer Einstellung können wir niemals ein Werkzeug zu ihrer Wiederherstellung sein.
Lea: Nancy DeMoss Wolgemuth hat uns im Gespräch mit ihrer Freundin Lisa Barry einen praktischen Einblick in das Thema Vergebung gegeben, auch dann, wenn uns nicht danach ist. Es ist ein Thema, das für uns alle von großer Bedeutung ist. Weil, wir alle werden verletzt und müssen damit umgehen.
Um dir zu helfen, eine biblische Perspektive davon zu entwickeln, was es heißt, denjenigen loszulassen, der an dir schuldig geworden ist, empfehle ich dir ein Exemplar von Nancys Buch Das Tor zur Freiheit - Wie Vergebung Ihr Leben verändert.
Müssen emotionale Wunden erst heilen, bevor du vergeben kannst? Wenn dich diese Frage interessiert, dann sei morgen wieder dabei, bei der nächsten Folge mit dem Titel „Der Heilungsprozess“.
Lea: Ich wünsche mir wirklich, Gott mit meinem ganzen Herzen, meiner ganzen Seele, meiner ganzen Kraft und mit meinem ganzen Verstand zu lieben – du auch?
Jemanden zu lieben und ihm zu vertrauen, setzt voraus, dass man den Anderen gut kennt und genau deswegen freue ich mich auf die True Woman Konferenz 2025: Das Wort - Bestaune das Wunder!
Diese Konferenz ist eine Möglichkeit, sich wieder neu in Gottes Wort und damit in ihn selbst zu verlieben.
Ich werde dafür Anfang Oktober nach Amerika fliegen, aber auch du kannst live dabei sein, indem du dich kostenlos für den Livestream von Belebe unsere Herzen registrierst.
Lass uns zusammen teilnehmen an der True Woman Konferenz ‘25: Das Wort - Bestaune das Wunder!, live übertragen aus Indianapolis, unterstützt vom CLV Verlag.
Lerne, Gottes Wort zu lieben, und damit ihn selbst, deinen Schöpfer zu lieben!
Alle weiteren Informationen findest du dazu auf unserer Website www.belebeunsereherzen.com.
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Wenn nichts anderes erwähnt wird, sind die Bibeltexte der Schlachter Übersetzung
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